Pausenfüller # 3 – STANGLS LETZTER SEUFZER

(Erstabdruck in: luftruinen, Ausgabe 11, Frühjahr/Sommer 2011 – siehe Link rechte Spalte)

Stangl wusste zu viel.
Meistens weiß man ja eher zu wenig. Irgendwo hatte er vor Jahren mal gelesen, Informationen seien die Währung des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Dann war er jetzt reich.
Aber Stangl wußte das kleine Bißchen Falsches zu viel.
Er hatte die Fotos gesehen.

Noch sechs Wochen bis zur Kommunalwahl. Für die CDU – die in der Stadt fast schon Gewohnheitsrecht genoß – sah es diemal nicht gut aus. Nach der Scheiße, die Schwarz-Gelb in den letzten Jahren in Berlin verkocht hatte, waren zur Zeit republikweit wieder die Sozen auf dem Vormarsch. Die Landtagswahl hatten sie schon im letzten Jahr gewonnen. Jetzt kamen peu á peu die Kommunen dran.
Das Ganze war Romperts Idee gewesen. Karl-Heinz Rompert, stellvertretender Polizeichef, alter Intimus des noch regierenden Oberbürgermeisters Winfried Lutter, CDU, mit Betonung auf „noch“. Die Idee war ihm angeblich gekommen, als er sich „Die Unbestechlichen“ mit Dustin Hoffman und Robert Redford im Fernsehen angesehen hatte.
Was, wenn in die Wahlkampfzentrale der CDU eingebrochen würde? Und zeitgleich in Lutters private Villa? Eine solche kombinierte Aktion konnte doch nur vom politischen Gegner kommen. Außerdem fürchtete Lutter in letzter Zeit permanent und nicht ganz zu Unrecht, daß die Steuerfuzzis von den Finanzbehörden („seinen“ Behörden, wie er säuerlich bemerkte) sich für die Parteifinanzen interessieren könnten. Da könnte bei der fingierten Einbruchaktion auch noch einiges verschwinden, was besser nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen sollte.
Lutter selbst würde von der Aktion im Vorfeld nichts erfahren. Und auch keiner aus seinem Wahlkampfteam. Lutter war ein schlechter Schauspieler. Seine Empörung nach den Einbrüchen musste echt aussehen. Wenn er am Tatort in die Kameras und Mikrophone sprach, musste er sich nicht nur für ein Opfer halten, sondern sich auch wirklich wie eins fühlen. Daß das Ganze fingiert war, würde er erst später erfahren.
Für den Einbruch in die Wahlkampfzentrale hatte Rompert ein paar Vertrauensleute aus seinem eigenen Ressort destiniert. Ein Typ von der Spurensicherung würde dabei sein und gezielt falsche Spuren am Tatort hinterlassen. Der Einbruch in Lutters Villa war ein One-man-job. Und hier kam Stangl ins Spiel.
Ernst Stangl, achzehn Jahre bei der Kripo, erst im BTM-Ressort, dann bei der Inneren, war mit Rompert auf Du und Du, seit er für ihn ein internes Drogenscreening gefälscht hatte. Rompert zog gerne mal ´ne Linie. Stangls Ehe ging zu Bruch, wie sich das für einen kleinen Kripo-Beamten gehört, er fing an zu saufen (was er auch schon vorher getan hatte), und irgendwann war ihm die filmreife Idee gekommen, den Dienst zu quittieren und sich selbstständig zu machen. Der Philip Marlowe der Domstadt. Leben konnte man davon kaum. Er machte Fotos von mißliebigen Betriebsratsvorsitzenden, die sich auf seine Vermittlung hin in schmierigen Hotels im Nebenzimmer mit zwei minderjährigen ukrainischen Zwangsprostituierten vergnügten. Er verkaufte Abzüge der Fotos weiter an die betrogenen Eheweiber, damit die bei der Scheidung eine höhere Abfindung herauspressen konnten. Nebenher importierte er in einem ausrangierten Streifenwagen mit falschem Kennzeichen und in seiner alten Uniform Gras aus den Niederlanden. – Ein Wahnsinn. Er schrieb es einzig und allein seinem Glück zu, daß sie ihn noch nicht erwischt hatten.
Rompert steckte Stangl den Plan: Er würde dafür sorgen, daß in besagter Nacht niemand zuhause sein würde. Das Alarmsystem würde lahmgelegt, indem man einfach dem ganzen Anwesen für ein paar Stunden den Saft abdrehte. Stangl würde durch ein Fenster im Wintergarten einsteigen, alle für einen gewöhnlichen Dieb interessanten Wertgegenstände ignorieren und nur in Lutters privatem Arbeitszimmer ein bißchen Tohuwabohu veranstalten: ein paar Schubladen durchwühlen (und offen stehen lassen, bitteschön), ein paar Aktenordner kreuz und quer auf den Boden schmeissen, und wenn das noch nicht dramatisch genug aussah (man musste ja auch an die Pressefotos vom Tatort denken), dann eben noch ein paar Bücher aus dem Bücherschrank dazuwerfen. Aber bitte was ordentliches, ja? Thomas Mann oder so. Oder Goethe. Bloß keine Tittenhefte. Rompert wusste, was Lutter im Schrank stehen hatte. Alles in allem eine konzentrierte Aktion, maximal fünfzehn, vielleicht zwanzig Minuten, rein, bißchen pröddeln, raus, zack, bumm, fertig. Wert: zehntausend, bar auf die Hand. Und ausser ihm, Rompert, würde keiner wissen oder jemals erfahren, wer die Aktion durchgeführt hat.
Zehntausend, in bar. Risiko null.
Zehn Tage, achzehn Stunden und zweiunddreißig Minuten später stand Stangl in Lutters Villa in Lutters privatem Arbeitszimmer und liess noch einmal den Strahl seiner Taschenlampe über das Chaos gleiten, das er in den letzten sieben Minuten angerichtet hatte. Die Schreibtischschubladen waren alle herausgezogen (Den Inhalt der unteren – Kugelschreiber, Textmarker, Bleistifte, Radiergummis – hatte er gleich auf den Teppich gekippt.), ein Dutzend Aktenordner – manche aufgeklappt, mit dem Rücken nach oben – lag im Raum herum, dazu ein paar Bücher (Kein Mann, kein Goethe – Aber er hatte Brecht gefunden, Mutter Courage, sieh an, warum nicht?), und beinahe hätte er der Versuchung nicht widerstanden, auch eine Ausgabe von Private Triple X dazuzulegen, von denen er ein halbes Dutzend in einem Großbriefumschlag gefunden hatte, dachte dann aber an die Eins mit den vier Nullen und liess es bleiben. Er überlegte gerade, ob er noch den Schreibtischstuhl umkippen sollte, da fiel sein Blick auf die schwarze Holzkiste auf dem Couchtisch. Neben der Kiste stand ein sauberer Aschenbecher aus Bleikristall, und in dem Aschenbecher lagen ein Zippofeuerzeug und ein Zigarrenspitzencutter.
Hallo, dachte Stangl. Ging zum Tisch. Klappte die Kiste auf. Leuchtete hinein. Hielt die Nase darüber und schnupperte. Cohibas. Zwei oder drei Dutzend. Einzeln mit Blattgold umwickelt. Ein wirklich schönes Souvenir, dachte Stangl. Und dachte auch brav: Dankeschön, Herr Oberbürgermeister.

Wieder zuhause – es war mittlerweile kurz vor vier Uhr morgens – goß sich Stangl den ersten Schnaps seit achzehn Monaten ein. Bloß um runterzukommen. So fing das ja meistens an: Das Adrenalin wegspülen, das erst nach Ende des Einsatzes richtig zu fliessen beginnt. Bis man irgendwann alles nur noch wegspült. Stangl trank und goß nach. Jeder Rückfall hat eine Geschichte, hatte ihm ein Therapeut mal erklärt. Stangl goß nochmal nach. Dann klappte er die schwarze Holzkiste auf, die vor ihm auf dem Küchentisch stand. Im Funzellicht der Küchenlampe funkelten die vergoldeten Zigarren wie Weihnachtsgeschenke. Stangl nahm eine heraus, wickelte sie aus (wobei er sorgfältig darauf achtete, das Blattgold nicht zu zerreissen), und hielt sie unter die Nase. Wow. Baby. Er ärgerte sich, daß er den Cutter nicht mitgenommen hatte, dachte: scheiß´ drauf, und biss die Spitze mit den Zähnen ab. Spuckte sie in den Ausguss. Zündete die Zigarre mit seinem Einwegfeuerzeug an und rauchte.
Zufriedenheit ist ein seltenes Gut. Stangl genoß es.
Er rauchte die halbe Zigarre, dann liess er sie ausgehen. Betrachtete die offene Kiste. Jeweils fünf Zigarren nebeneinander, obenauf noch zwei, darunter vielleicht noch fünf Lagen, machte noch siebenundzwanzig Stück. Stangl beschloß, nachzuzählen. Er nahm die Cohibas eine nach der anderen aus der Kiste und arrangierte sie in Fünfergruppen auf der Tischplatte. Offenbar hatte er richtig geschätzt. Beziehungsweise nicht ganz. Denn als er bei der letzten, unteren Lage angekommen war, mußte er feststellen, daß diese nur aus vier Zigarren bestand. Die mittlere fehlte. Stattdessen lag dort ein USB-Stick.
Scheiße, dachte Stangl. Nicht gut. Er hatte gedacht, er hätte nur etwas teures Rauchwerk mitgehen lassen. Und jetzt das.
Er nahm den Stick heraus. Wieso lag der in der Kiste? Bestimmt nicht, weil jemand eine Cohiba gemopst hatte und den Klau vertuschen wollte.
Stangl goß nach. Stangl goß nochmal nach. Stangl zündete sich eine Zigarette an.
Stangl dachte nach.
Er hatte etwas Unordnung machen sollen, aber bloß nichts mitgehen lassen. Er dachte an die Eins mit den vier Nullen, steuerfrei. Er dachte an Rompert. Er dachte an Lutter. Er kannte Lutter. Flüchtig, aber gut genug, um zu wissen, daß er ein Schwein war. Nur Schweine werden Oberbürgermeister.
Er konnte den Stick einfach vernichten. Vielleicht war er ja auch nur zufällig in die Kiste gelangt und dann nach unten durchgerutscht, irgendwie. Vielleicht war er ja auch leer.
Quatsch, dachte Stangl. Quatsch, Quatsch, Quatsch. Goß nach. Alles Quatsch. Zündete sich noch eine Zigarette an. Andersherum: Vielleicht waren ja wirklich irgendwelche Daten auf dem Speicherding, die sich eventuell zu Geld…anonym…Ausser Rompert wusste schließlich keiner, daß er, Stangl, den Bruch, den gefaketen Bruch, wohlgemerkt, bei Lutter durchgezogen hatte.
Leck´ mich am Arsch, dachte Stangl, nahm die Flasche und den Stick und ging ins Wohnzimmer, wo sein Laptop auf dem Couchtisch stand.

Er hatte die Fotos gesehen. Es waren hunderte. Er hatte sie nicht gezählt. Zum ersten Mal, seit er mit dem Saufen aufgehört (und gerade wieder angefangen) hatte, hatte er gekotzt.
Er überlegte, was er tun könnte. Zu wem er gehen könnte. Wohin mit der Scheiße.
Draußen ging die Sonne auf.
Dann klingelte es an der Wohnungstür.
Auf allen Fotos waren Kinder zu sehen. Manche waren fast noch Babys.
Auf einigen Fotos waren die Kinder allein. Manchmal mit einem Spielzeug. Auf anderen – der Mehrzahl – war ein Erwachsener dabei. Bei einigen auch mehrere.
Ein paar der Kinder waren gefesselt. Auf vielen Fotos sah man Blut und andere Körperflüssigkeiten.
Die Erwachsenen – mehrheitlich Männer – kannte Stangl fast alle persönlich. Allerdings hatte er sie noch nie nackt gesehen.
Es klingelte wieder. Stangl liess es klingeln. Dann hörte er, wie die Tür leise von aussen aufgeschlossen wurde.

Sie waren zu Dritt. In Zivil. Im Dienst trugen sie Uniformen.
Einer von ihnen war Rompert.
Stangl sah ihn an, und Rompert schüttelte traurig den Kopf.

Stangl wusste zu viel. Komisch, dachte er noch, daß genau das mal wieder keiner erfahren würde.
Die meisten Menschen wissen ja eigentlich zu wenig. Wenn sie wüßten, was sie wissen sollten, dachte Stangl, stünde hier kein Stein mehr auf dem anderen.
Rompert streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen. Dann liess er die Hände nach unten gleiten und drückte zu.

Da lacht der Hennes

Kommt ´ne Frau zum Arzt. Der Arzt fragt, warum. Die Frau: „Tja, Herr Doktor. Ich hab´ hier mal so abgetastet. – Ich glaub´, ich hab ´nen Knoten in der Brust.“
Der Arzt kuckt erst ziemlich verdattert, schüttelt dann langsam den Kopf und sagt: „Mein Gott. – Wer macht denn so was?!“

Katzenberger hat ´nen Freund,…

… Wer es ist, will sie aber noch nicht sagen.
Wir könnten ja jetzt. Hier anfangen. Von wegen mit dem Hennes. Und so weiter.
Aber das sparen wir uns.
Was da hinter raus kommt, das darf sich jeder selbst denken.

Jungle Boogie, 2. Strophe: Still looking for the babe of the month

13,1 Millionen Zuschauer, 30 Prozent Marktanteil. – So liest sich die Ausbeute der Auftaktsendung vom vergangenen Freitag, 21 Uhr 15, RTL. Was sagt das über Deutschland? – Lieber nicht fragen.
Wir sind ja keine Stars (außer Hennes, aber der bleibt bodenständig) und gehen da auch lieber gar nicht erst rein, aber wenn man erst mal drin ist, muß man halt das Beste draus machen. Kotztüte Fiona, der unser allererstes Augenmerk galt, haben wir mittlerweile fallen gelassen zugunsten von – wem sonst? – Georgina. (So geht´s ja auch häufig auf Partys: Am Anfang fasst man ein Lustobjekt ins Auge, am Ende geht man aber dann doch mit ´nem ganz anderen nach Hause. Zumindest gelegentlich.) Warum Georgina? – Ganz einfach: Weil die zwar genauso doof ist wie alle anderen, aber wenigstens süß lächeln kann. Ansonsten geht´s im Dschungelcamp nicht viel anders zu als in unserer Redaktion, Lachflashs am Lagerfeuer und Gemecker über selbstgekochtes Essen inklusive. Von den Ischen käme ansonsten schon rein altersmäßig eh nur noch Claudelle in Frage, aber die kuckt ja immer nur wie ´ne angepisste Hauskatze. Da liegt Georgina mit fünf Dschungelprüfungen in sechs Tagen (trotz mediokrer Sternausbeute) eindeutig vorn. Ob hübsche Augen allein aber ausreichen für den Titel „Babe des Monats“? – Mal Micaela Schäfer fragen.
Bleibt nur noch die Frage, wer sich so´n menschenverachtenden Scheiß wie das RTL-Dschungelcamp eigentlich immer ankucken tut…

Pausenfüller # 2 – ACH, GERD

Gerd hatte einen sitzen. Kein Wunder, schließlich hatte er gefeiert. Auch kein Wunder, denn er hatte was zu feiern. Wie gesagt, Gerd hatte einen sitzen. Irgendwo zwischen zwei- und drei auf tausend. Und eigentlich wollte er nur noch nach Hause und ins Bett. Dann machte er kurz halt, um sich die letzte Marlboro aus der ersten Schachtel Filterzigaretten anzuzünden, die er sich seit Jahren geleistet hatte. Und sah die beiden.
Gerd machte so was eigentlich eher ungern. Auf Schwächeren rumhacken, nur so zum Spaß. Aber die Situation war einfach zu verlockend.
„Ey, du da! Die Hackfresse in der Spinatjacke. Ja, genau du. Komm´ mal her.“ Gerd lockte mit dem Finger, und der Polizeibeamte, der sich eben noch ein paar Meter weiter mit seinem Kollegen unterhalten hatte, kam auf Gerd zu. Und der Kollege gleich hinterher. Vor Gerd blieben beide stehen. Gerd:“Stehn Se locker. Stock im Arsch?“ Zu dem ersten Polizisten:“Du kucks´ wie mein Köter, wenn er sich die Eier leckt. Und du“, zum Polizistenkollegen, „wie mein Köter, wenn er kackt.“
Der zuerst von Gerd angesprochene Beamte verschränkte die Daumen hinterm Gürtel, reckte das Kinn in die Höhe und lächelte fein. „Zeigen Sie mal Ihren Ausweis.“
Gerd kannte seine Rechte. „Zeig´ du erstmal deinen, Rapunzel.“
Der Beamte lächelte noch eine Spur feiner. Er war knapp einen Kopf größer als Gerd. Zückte seinen Dienstausweis. Hielt ihn Gerd vor die Nase. Sein Kollege zückte einen Notizblock und fing an mitzuschreiben. Gerd studierte den Ausweis. „Aha, Justin heißt er. Wußten deine Eltern schon bei deiner Taufe, daß du schwul bist?“
Der Polizist bewegte den Kopf zur Seite, und seine Nackenwirbel knackten. „Ihren Ausweis. Bitte.“
„Locker bleiben, Schneewittchen.“ Gerd holte seine Patte raus. Durchsuchte sie umständlich. Die brennende Fluppe im Mund, aschte er ins Münzgeldfach. Zog seine Kundenkarte für die Mittagstafel für Bedürftige hervor und hielt sie dem Polizisten seinerseits unter die Nase. Der wollte nicht aufhören zu lächeln.
„Ihren Personalausweis.“
Gerd liess die Karte fallen und suchte weiter. Und fand. Hielt dem Polizisten unter die Nase. Der pflückte Gerd den Ausweis mit spitzen Fingern aus der Hand. Hielt ihn seinem Kollegen hin. Der blätterte die Seite um und notierte. Gerd:“Riecht ihr das auch? Ranziges Sperma oder so.“ Er schnüffelte in Richtung der Beamten. „Heiland…“
„Stimmt das, daß das tausendzweihundert Euro kosten kann, wenn man euch Schlümpfe als Schlümpfe bezeichnet?“
Der Polizist:“Es reicht jetzt.“ Er hielt Gerd dessen Perso hin.
Gerd:“Tausendzweihundert pauschal oder pro Schlumpf?“
Der Polizist:“Herr Sieland, Sie wohnen hier gleich um die Ecke. Ich rate Ihnen tunlichst, schnurstracks nachhause zu gehen und sich schlafen zu legen. Sie bekommen Post von uns. Ihr Ausweis…“ Er wedelte. Gerd griff zu. Strahlte. „Oh ja, danke.“ Schob das Dokument in die Arschtasche. „Den brauch´ ich ja noch. Na dann…“ Er salutierte und schlug die Hacken zusammen. „Ihr habt nicht zufällig ´ne Kippe? Egal. Haut rein, Jungs. Und trinkt nicht so viel.“ Sprach´s, drehte sich um und torkelte von dannen.
Die beiden Beamten schauten ihm nach.
Es war noch nicht mal vier Uhr nachmittags.
Erster Polizist:“Der kann das Bußgeld eh nicht zahlen. Wenn er nicht vorbestraft ist, kriegt er bestenfalls zwei Monate Bewährung. Oder fünfzig Sozialstunden.“
Zweiter Polizist:“Wir hätten ihn einsacken sollen. Brechmittel…“
Sein Kollege zuckte die Schultern und zündete sich eine Zigarette an.
Gerd ging nachhause und dachte:“Die hätten mich auch einsacken können.“ Er griff in seine Arschtasche. Hauptsache, er hatte seinen Perso wieder. Den brauchte er schließlich noch. Morgen. Zur Vorlage im Lotterieladen. Den Ausweis und das Los mit den sechs Richtigen. Plus Zusatzzahl. Das lag zuhause. Sicherheitshalber eingerollt in die Ersatzrolle Klopapier auf dem Spülkasten. Dreikommavier Millionen, dachte Gerd. Mann, ist das warm hier, dachte Gerd. Spätsommer. Bog um die Häuserecke. Dann sah er die Menschen, die mitten auf der Straße standen und nach oben schauten. Manche nur im Pyjama. Die Löschfahrzeuge mit rotierendem Blaulicht. Schläuche, die ausgerollt wurden und sich gleich darauf unter dem Druck des Wassers blähten. Die Flammen, die aus allen Fensteröffnungen leckten. Und der Haustür, für die er den Schlüssel in der Hand hielt.
Ach, Gerd.
Scheiße.