Pausenfüller # 1 – KAUM DIE MÜHE WERT

(Erstabdruck in: luftruinen, Ausgabe 10, Herbst/Winter 2010/11 – siehe Link rechte Spalte)

Marla & Suki

Suki trank schwarzen Kaffee. Marla trank Bier. Beide rauchten. Luckies ohne Filter.
„Du bist sicher, er kommt?“
„Er wird kommen. Totsicher.“
Sie saßen an der Theke. Es war wenig los. Der Barkeeper spielte an seinem Zapfhahn herum. Im Radio sang der King. Teddy bear.
„Wie heißt er eigentlich?“
„Joe. Wie alle Wichser.“
Sie drückten ihre Zigaretten aus.
Die Tür ging auf.
Joe sah genauso aus, wie Joe auszusehen hat: schwarzer Anzug, weißes Hemd. Schlangenledermokassins. Silbernes Halskettchen. Zum Kotzen. „Hallo Mädels. Alles klar?“ Er grinste. Eine Hand an den Eiern. Sein Mundwinkel zuckte.
Joe hatte es offenbar eilig: Taxi. Hotel. Hotelzimmer. Er entschuldigte sich. „Meine Frau hat den Wagen.“ Feixte.
Hängte das Bitte nicht stören-Schild raus, bevor er die Zimmertür abschloss. Grinste. Klatschte in die Hände. „Tja, Mädels, dann macht´s euch doch schon mal gemütlich, ja? Papa geht mal eben noch ins Bad.“
„Du gehst nirgendwo mehr hin.“ Marla griff in ihre Handtasche. Suki zündete sich eine Zigarette an.
Bei dem, was Marla da aus der Tasche zog, dachte Joe spontan an Harry Calahan.
Marla hielt ihm die Mündung des Laufs unter die Nase und spannte mit beiden Daumen den Abzughahn. „Los, mach´s Maul auf.“ Kann sein, Joe war erkältet. Oder er war von Natur aus schwerhörig. Glotzte nur. Sein Pech. Kostete ihn sieben Zähne zusätzlich zum Gehirn. Als die Bullen später die Tür aufbrachen, fielen drei von der Wand ab.

Suki trank schwarzen Kaffee. Marla trank Bier. Beide rauchten. Zwölf Uhr mittags. So langsam füllte sich der Laden.
„Und?“
„´n paar Kreditkarten. Führerschein. Mein Gott, der Typ hieß Dieter.“
„Drauf geschissen; wieviel?“
„Fotos von zwei Blagen. Mal sehen. Zweihundertsiebzig plus Kleingeld.“
„Pah. Arschloch. Der Preis war dreihundert.“
„Kaum die Mühe wert.“
Sie drückten ihre Zigaretten aus.
Die Tür ging auf.

Dieter

Suki trank schwarzen Kaffee. Marla trank Bier. Beide rauchten. Luckies ohne Filter.
„Du bist sicher, er kommt?“
„Er wird kommen. Totsicher.“
Sie saßen an der Theke. Es war wenig los. Der Barkeeper spielte an seinem Zapfhahn herum. Im Radio sang der King. Teddy bear.
„Wie heißt er eigentlich?“
„Joe. Wie alle Wichser.“
Sie drückten ihre Zigaretten aus.
Die Tür ging auf.
Joe sah genauso aus, wie Joe auszusehen hat: schwarzer Anzug, weißes Hemd. Schlangenledermokassins. Silbernes Halskettchen. Zum Kotzen. „Hallo Mädels. Alles klar?“ Er grinste. Eine Hand an den Eiern. Sein Mundwinkel zuckte.
Joe hatte es offenbar besonders eilig: Taxi. Hotel. Hotelzimmer. Er entschuldigte sich. „Meine Frau hat den Wagen.“ Feixte.
Hängte das Bitte nicht stören-Schild raus, bevor er die Zimmertür abschloss. Grinste. Klatschte in die Hände. „Tja, Mädels, dann macht´s euch doch schon mal gemütlich, ja? Papa geht mal eben noch ins Bad.“
„Du gehst nirgendwo mehr hin.“ Marla griff in ihre Handtasche. Suki zündete sich eine Zigarette an.
„Los, mach´s Maul auf.“ Dabei schaut sie ihm zum ersten Mal in die Augen, und ihr fällt auf, daß sie absolut keine Farbe haben.

Als Marla wieder zu sich kommt, liegt sie nackt auf dem Bett, Hände und Füsse mit Stacheldraht an die Bettpfosten gefesselt. Im Bad hört sie Suki schreien. Am Fenster wandert die Sonne vorbei.
Sie hört noch andere Geräusche. Versucht sie einzuordnen. Dämmert weg. Ist wieder sechs Jahre alt. Mit dem Fahrrad hingefallen. Hat sich das Knie aufgeschürft. Ihre Mutter nimmt sie in die Arme. Singt ein Lied, an das sie sich jetzt erinnert. Dann hört sie die Dusche. Hört ihn singen. Sinatra. My way.
Frisch geduscht, nach Mandel und Honig duftend, kommt er zu ihr.
Komisch. Man schaut sich Horrorfilme an, Filme, in denen Menschen die Augen ausgepult, die Därme herausgerissen werden bei lebendigem Leib, schaut sich Dokumentationen an über die pseudomedizinischen Menschenversuche in Auschwitz, Sibirien und New Mexico, isst Kartoffelchips dabei, trinkt Bier und raucht was und kommt dabei keine Sekunde auf die Idee, daß einem so was mal selbst passieren könnte.
Als sie endlich stirbt, ihr abgetrennter Unterleib (vom Bauchnabel abwärts, voll Pisse und Scheiße und Blut, was ihr irgendwie peinlich ist, selbst jetzt noch, nach allem) an die gegenüberliegende Wand gelehnt, die mindestens sieben Meter vom Bett entfernt ist, ist das letzte, was sie hört, seine Stimme, die ins Telefon spricht.
“Hallo Schatz, Dieter hier. Ja. Du, hör´ mal, kann vielleicht etwas später werden. Du weißt ja. Ja, die Konferenz.“ Er dreht sich zu ihr um. „Ach. Kaum die Mühe wert. Wie immer.“ Lächelt. „Ja. Ich dich auch.“

Yvonne

„Du gehst nirgendwo mehr hin.“ Marla griff in ihre Handtasche. Suki zündete sich eine Zigarette an.
Marla hatte die Hand noch in der Tasche, als plötzlich von außen an der Türklinke gerüttelt wurde. Dann hämmerte jemand offenbar mit der Faust gegen die Tür. Und dann hörten sie eine weibliche Stimme, leicht schrill und gleichzeitig gepresst, typisch angepisstes gehörntes Weibchen.
„Dieter, du mieser Scheißkerl! Mach´ sofort die verdammte Tür auf! Ich weiß, daß du da drin bist! Ich hab´ euch reingehen sehn, dich und deine beiden Nutten!“
Suki und Marla sahen einander an. Dieter – vormals Joe – schien nicht mal mehr zu atmen. Seine Solarienbräune war verflogen. Zumindest aus seinem Gesicht. Eine Hand an den Eiern. Nervöses Gefinger. Sein Mundwinkel zuckte und produzierte ein Spuckebläschen.
Marla ging zur Tür, drehte den Schlüssel im Schloss und riss sie auf.
Leck.
Mich.
Am.
Arsch.
Marla:“Yvonne?!“
Yvonne:“Marla?!“
Suki kiebitzte Marla über die Schulter.
Yvonne:“Hallo Suki.“
Suki:“Hey Ivy. Was machst du denn…“
Marla hob die Hand. „Genug. Das reicht.“ Hinter sich hörte sie Dieter. Leise wie ein Vögelein. „Ihr kennt euch?“

Suki trank schwarzen Kaffee. Marla trank Bier. Beide rauchten. Zwölf Uhr mittags. Zeit fürs Frühstück.
„Drei Jahre hab´ ich die Schlampe nicht gesehen. Und dann schiess´ ich beinah ihren Alten übern Haufen.“
„Ich dachte, Ivy ist nach Paris gegangen.“
Marla drückte ihre Zigarette aus. „Pah. Paris. Alles nur Gelaber. Kennst doch meine Schwester. Die kommt nie aus dieser Stadt raus.“
Suki zuckte die Achseln. „Meinst du, sie verlässt ihn jetzt?“
Marla wickelte ihr Besteck aus der Serviette. „Die und ´nen Mann verlassen? Erst wenn er pleite ist und in der Gosse liegt.“
Die Kellnerin kam, brachte ihnen ihre Eier mit Speck.
Suki drückte ihre Zigarette aus. „Der Arme. Vielleicht ist er ja doch ganz nett.“
Marla goss Ketchup über ihr Rührei und verrührte das Ganze mit der Gabel. „Das rauszufinden dürfte kaum die Mühe wert sein.“

Suki seufzte. „Hauptsache, der Tag geht nicht so weiter…“