Pausenfüller # 2 – ACH, GERD

Gerd hatte einen sitzen. Kein Wunder, schließlich hatte er gefeiert. Auch kein Wunder, denn er hatte was zu feiern. Wie gesagt, Gerd hatte einen sitzen. Irgendwo zwischen zwei- und drei auf tausend. Und eigentlich wollte er nur noch nach Hause und ins Bett. Dann machte er kurz halt, um sich die letzte Marlboro aus der ersten Schachtel Filterzigaretten anzuzünden, die er sich seit Jahren geleistet hatte. Und sah die beiden.
Gerd machte so was eigentlich eher ungern. Auf Schwächeren rumhacken, nur so zum Spaß. Aber die Situation war einfach zu verlockend.
„Ey, du da! Die Hackfresse in der Spinatjacke. Ja, genau du. Komm´ mal her.“ Gerd lockte mit dem Finger, und der Polizeibeamte, der sich eben noch ein paar Meter weiter mit seinem Kollegen unterhalten hatte, kam auf Gerd zu. Und der Kollege gleich hinterher. Vor Gerd blieben beide stehen. Gerd:“Stehn Se locker. Stock im Arsch?“ Zu dem ersten Polizisten:“Du kucks´ wie mein Köter, wenn er sich die Eier leckt. Und du“, zum Polizistenkollegen, „wie mein Köter, wenn er kackt.“
Der zuerst von Gerd angesprochene Beamte verschränkte die Daumen hinterm Gürtel, reckte das Kinn in die Höhe und lächelte fein. „Zeigen Sie mal Ihren Ausweis.“
Gerd kannte seine Rechte. „Zeig´ du erstmal deinen, Rapunzel.“
Der Beamte lächelte noch eine Spur feiner. Er war knapp einen Kopf größer als Gerd. Zückte seinen Dienstausweis. Hielt ihn Gerd vor die Nase. Sein Kollege zückte einen Notizblock und fing an mitzuschreiben. Gerd studierte den Ausweis. „Aha, Justin heißt er. Wußten deine Eltern schon bei deiner Taufe, daß du schwul bist?“
Der Polizist bewegte den Kopf zur Seite, und seine Nackenwirbel knackten. „Ihren Ausweis. Bitte.“
„Locker bleiben, Schneewittchen.“ Gerd holte seine Patte raus. Durchsuchte sie umständlich. Die brennende Fluppe im Mund, aschte er ins Münzgeldfach. Zog seine Kundenkarte für die Mittagstafel für Bedürftige hervor und hielt sie dem Polizisten seinerseits unter die Nase. Der wollte nicht aufhören zu lächeln.
„Ihren Personalausweis.“
Gerd liess die Karte fallen und suchte weiter. Und fand. Hielt dem Polizisten unter die Nase. Der pflückte Gerd den Ausweis mit spitzen Fingern aus der Hand. Hielt ihn seinem Kollegen hin. Der blätterte die Seite um und notierte. Gerd:“Riecht ihr das auch? Ranziges Sperma oder so.“ Er schnüffelte in Richtung der Beamten. „Heiland…“
„Stimmt das, daß das tausendzweihundert Euro kosten kann, wenn man euch Schlümpfe als Schlümpfe bezeichnet?“
Der Polizist:“Es reicht jetzt.“ Er hielt Gerd dessen Perso hin.
Gerd:“Tausendzweihundert pauschal oder pro Schlumpf?“
Der Polizist:“Herr Sieland, Sie wohnen hier gleich um die Ecke. Ich rate Ihnen tunlichst, schnurstracks nachhause zu gehen und sich schlafen zu legen. Sie bekommen Post von uns. Ihr Ausweis…“ Er wedelte. Gerd griff zu. Strahlte. „Oh ja, danke.“ Schob das Dokument in die Arschtasche. „Den brauch´ ich ja noch. Na dann…“ Er salutierte und schlug die Hacken zusammen. „Ihr habt nicht zufällig ´ne Kippe? Egal. Haut rein, Jungs. Und trinkt nicht so viel.“ Sprach´s, drehte sich um und torkelte von dannen.
Die beiden Beamten schauten ihm nach.
Es war noch nicht mal vier Uhr nachmittags.
Erster Polizist:“Der kann das Bußgeld eh nicht zahlen. Wenn er nicht vorbestraft ist, kriegt er bestenfalls zwei Monate Bewährung. Oder fünfzig Sozialstunden.“
Zweiter Polizist:“Wir hätten ihn einsacken sollen. Brechmittel…“
Sein Kollege zuckte die Schultern und zündete sich eine Zigarette an.
Gerd ging nachhause und dachte:“Die hätten mich auch einsacken können.“ Er griff in seine Arschtasche. Hauptsache, er hatte seinen Perso wieder. Den brauchte er schließlich noch. Morgen. Zur Vorlage im Lotterieladen. Den Ausweis und das Los mit den sechs Richtigen. Plus Zusatzzahl. Das lag zuhause. Sicherheitshalber eingerollt in die Ersatzrolle Klopapier auf dem Spülkasten. Dreikommavier Millionen, dachte Gerd. Mann, ist das warm hier, dachte Gerd. Spätsommer. Bog um die Häuserecke. Dann sah er die Menschen, die mitten auf der Straße standen und nach oben schauten. Manche nur im Pyjama. Die Löschfahrzeuge mit rotierendem Blaulicht. Schläuche, die ausgerollt wurden und sich gleich darauf unter dem Druck des Wassers blähten. Die Flammen, die aus allen Fensteröffnungen leckten. Und der Haustür, für die er den Schlüssel in der Hand hielt.
Ach, Gerd.
Scheiße.