Archiv der Kategorie 'EURO 2012'

Das Hammerturnier. Corinnas & Juttas EM-Tagebuch 2012. Folge 10: …Und tschüss.

Die Dinosaurier sind ausgestorben. Doch ihre Nachkommen rauben uns auch weiterhin munter den letzten Nerv. Um halb fünf morgens fängt das gefiederte Geschmeiß an rumzupiepen, bis man das Viehzeug am liebsten mittem Schließmuskel erdrosseln tät. Immer pünktlich dann, wenn unsereins sich zur Nachtruhe bettet. Kackvögel.
Fragt sich eh, warum wir heute überhaupt aufgestanden sind.
Gizmo hat beim Frühstück zuerst die Schlumpfbeere mit dem deutschen Fähnchen gefressen.
Dann hat er sie wieder ausgespuckt.
Jutta nachm Frühstück:“SMS vom Chef. Wenn wir wollen, können wir hier abhauen.“ Der Ferien-Flirt mit Igor ist eh am Abflauen; und das Dope geht auch zur Neige. „Aber so oder so: – Einmal müssen wir noch ins Stadion…“

Erschreckende Bilder, nicht nur im Zensierten Deutschen Fernsehen, akronym ZDF. In der Griechenkurve hantieren sie mit einer aufblasbaren, mumaßlich mit drei sukkulenten Löchern ausgestatteten Frau im deutschen Trikot, bis die Luft raus ist. In der Gegengeraden entrollen sie ein schwarz-rot-goldenes Banner:“Grüße aus Coesfeld“. Schalkes Psycho-Babyface Kyriakos P. kämpft, bis die Birne bis Moskau glüht; aber es hilft nichts. Lahm. Einsnull für Deutschland.
In der Halbzeitpause simst der Chef:“Auffe Autobahn kein deutsches Radio hören! Nur noch Tote Hosen!“ Er meint wohl dieses Lied, das so ähnlich heißt wie dieser Film mit George Clooney und Michelle Pfeiffer. Is´ aber auch´n Scheißlied.
Jutta simst zurück:“Kein Bryan Adams?“
Chef:“Ihr mich auch. Ich will nur nett sein.“ Grenzenloser Jubel in der Gegengeraden. Griechenland macht das Einseins. Jutta zeigt nach unten anne Bande. „Da sind sie. Siehste?“
Ich seh´ sie. Jutta:“Egal, wie das hier ausgeht…“
60. Minute: Kedhira, zwei zu eins. Im Promiblock jubelt Frau Merkel. Frau Merkel jubelt über alles, worüber sie im Anschluß schöne Worte sagen kann. Und das wird sie. Scheißegal, wer hier am Ende gewinnt.
Dann schießt Klose noch ´n Tor, und die Griechen geben auf.
Jutta:“Direkt nachm Abpfiff. Und denk´ dran: Kein Kidnapping. Sie müssen freiwillig mitkommen.“
Vier zu eins. Das Jüngelchen aus Gladbach.
„Keine Bange. Das werden sie.“

***

Hennes bei unserer letzten Stippvisite im GBH vor gut vier Wochen:“Bringt mir mal zwei Exemplare von meinen EM-Kollegen mit.“
Jutta:„Zwei polnische Hausziegen?“
Hennes:„Quatsch. Lolek und Bolek oder wie die heißen. Die Maskottchen.“
„Slavek und Slavko.“
„Meinetwegen. Bringt mal zwei von mit.“
„Ist das dein Ernst?“
„…?!“

***

Tja. Und deswegen sitzen Slavek und Slavko jetzt bei Jutta auf der Rückbank. Welcher ist wer? Der Rotweiße scheint zu schlafen, während der Blaugelbe durch seine Halsöffnung was aus Juttas Handschuhfach raucht.
Jutta:“Wir fahren jetzt nach Köln.“ Sie schaut in den Rückspiegel. „Wart ihr schon mal in Köln?“
„Du, ich glaub´, die können nur ukrainisch.“
War eigentlich ganz einfach. Nachdem nach dem Schlußpfiff alles den Rasen gestürmt hat, sind Jutta und ich mit runter und haben uns die Maskottchen geschnappt. Von wegen: Hier ist der Hase doch eh gelaufen; aber wenn ihr Bock habt, was zu rauchen – Wir haben da was im Wagen… Hatten offenbar die Nase gestrichen voll vom maskottieren, die beiden. ´Ne Viertel Stunde später saßen Slavek und Slavko dann im Panda-Fond, jeder ´ne halbe Slibo und einen von Juttas berüchtigten „Killer Sticks“ in den Griffeln. Da sind wir schon fast aus der Stadt raus und Richtung Autobahn.
Wir haben die Scheiben runtergekurbelt und das Radio angemacht, und höre da! – Das erste Mal seit 30 Tagen was anderes als Schweinepolka und Litost!
Jutta:“Coldplay. Hoffentlich hat meine Nichte die Pflanzen nicht übergossen.“
„Unsere Haschpflanzen stehen auch ständig im Wasser. Hat noch keiner geschadet.“
Jutta:“Um die Indicas mach´ ich mir weniger Sorgen; eher um die Peyote-Kakteen und die Pilze.“

„Was machst du als Erstes, wenn du wieder zuhause bist?“
„Keinen Slibowitz mehr saufen.“

22.06.2012, irgendwo hinter Berlin (von Polen aus gesehen)
Bis bei Gelegenheit,
Corinna
.

Epilog

Ausbeute vonne EM: Stapelweise Sammelkarten von REWE, TV direkt und hassenichgesehn; ´n halbvolles Klebebildchen-Album; drei EDEKA-Fanschlümpfe; und zwei Mädels, die dringend mal Urlaub brauchen.
Was macht eigentlich Hennes?

Das Hammerturnier. Corinnas & Juttas EM-Tagebuch 2012. Folge 9: Paranoia, Geistertore, Stadionwürste im Tiefflug und Joachim Königs Tod in Warschau

Sonntag, 17.06.2012

Die Italiener sind nicht nur zwergwüchsig, verfressen und versoffen, dumm, faul, vorlaut, chauvinistisch und stehen kurz vor der Staatspleite – sie leiden auch an Verfolgungswahn. Italien muß morgen gegen Irland gewinnen, wobei das zweite Gruppenspiel zwischen Spanien und Kroatien allerdings egal wie, nur nicht remis ausgehen darf. Sonst ist Italien raus. Jetzt denkt der Spaghettiwürger wahlweise, Spanien und Kroatien spielen absichtlich auf unentschieden; oder Irlands Trainer Trapattoni habe noch irgendnen dreckigen Trick im Ärmel. (Trappi, sinngemäß:“Ich? – Nie!“) Oder beides. Tja, liebe Italiener: Wenn ihr mal ein Spielchen gewonnen hättet, wär´ jetzt auch keine Paranoia. Aber erklär´ ´nem Bekoppten mal, dass er bekloppt ist. Der erklärt dich höchstens seinerseits für bekloppt. Lieber nicht. Bei so was ist schon mehr als eine Weltreligion hinten raus gekommen…

Montag, 18. Juni 2012

Irland gegen Italien. Für Irland geht´s um nichts mehr. Paddy und Shaun sitzen mit ihrem Partyfässchen Guinness in der Posener Gegengeraden und stimmen an, bis in der zweiten Spielhälfte das ganze Biotop zu „Carrickfergus“ und „Follow me up to Carlow“ schunkelt. 20 Grad Celsius, bewölkt, aber trocken. „You don´t have to win”, sagt Paddy, und Shaun ergänzt:”But make sure you did fight.”
Corinna kuckt mit Gizmo aufm Laptop “Die Schlümpfe 3D”, und Gizmo ist hin und weg von Schlumpfine.
Italien gewinnt; Spanien auch. Beide weiter.
Igor:“Letzten Endes geht´s eh nur ums Geld.“ Gähn.

Dienstag, 19. Juni 2012

Die Vorrunde ist durch. England und Frankreich sind weiter; Schweden und die Ukraine raus. Schluß mit dem Kinderkram. Jetzt geht´s ans Eingemachte. Trotzdem: schon jetzt die langweiligste EM seit mindestens vier Jahren.

Alldieweil in Herzlake

Njuhß auffe Seite vom Hennes seine Mannschaft, vulgo „FC“: Im Trainingslager sind se. In Herzlake. Wo immer das ist. Irgendwo wird´s wohl sein…
Ja, ne, der Hennes nich´. – Der hat Trainingslager nur am Wochenende; und auf Malle. Mit Trainerin Trixi und Trainerin Uschi.
Sondern? – Ganz unten vom Blalbla steht der Trainingskader, also nominell. Eins, zwo, drei, vier kennste. – Aber der Rest?! Hennes:“Kuck´ nich´ so; ich kenn´ die auch nicht.“
Lieste dir die Namen durch, denkste, das könnte auch die Belegschaft vom B-Flügel vonne JVA Münster sein. Aber hilft ja nix. Irgendwie muß der FC wieder auffe Beine kommen. Hennes:“Die schwören alle auf mich. Kein Scheiß.“ Aber Alter, wer tut das denn nicht?!

Mittwoch, 20. Juni 2012

Kein Fußball. Gruselig.
Gruselig auch gestern das Ukrainer „Geistertor“. Um so einen Schiri-Murks zu vermeiden, tut´s Technik von Vorvorgestern (Stichwort: Chip im Ball) (Stichwort oben rechts inne Suchleiste eingeben:“Maschinenwinter im Tal der 11 Freunde“.). Aber ne: Monsigneur Platini wittert den Tod vom Fußball, und Knallfrosch Thomas Müller schwadroniert vor der versammelten Presse, dass „ohne so was“ (d. i. eine spielentscheidende Fehlentscheidung des Unparteiischen) die Fans ja nichts mehr zu diskutieren hätten.
Ja, gut, er ist Fußballer, der Müller. Die reden nun mal Stuss. Und wir lachen ja auch immer artig. Und – mal ganz ehrlich – außer „so was“ gab´s bei dieser EM tatsächlich noch nicht sonderlich viel zu diskutieren. Auch dank des deutschen Teams.
Das entsprechende Attribut wäre „indiskutabel“.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Pünktlich zum Viertelfinale ist das Warschauer Stadion denn auch rappelvoll. Bzw. der Platz davor. Und zwar voll mit Leuten, die ihre Tickets loswerden wollen. Preisuntergrenze: 10 Euro für´n Billigplatz-Billet. Billiger wie Köln. Also Südkurve im RheinEnergie. Ts, ts…
Entsprechend mutet auch das Spiel an. Bzw. zu. Nach zwanzig Minuten haben die Portugiesen die Nase voll und wollen Halbzeit machen. Also Pause. Nix da, sagt der Schiri, Turnierstatuten beachten. Ab auffen Platz und weiterspielen. Die Portugiesen fügen sich murrend. Aber der Schiri kommt aus England, ist von Beruf Bulle und hat ´ne Glatze. Da hält sogar Ronaldo lieber die Klappe.
43. Minute: Ronaldo wird von einer Stadionwurst am Kopf getroffen. Er geht theatralisch zu Boden, aber das vermeintliche Blut auf seiner Stirn ist kein Blut, nicht mal Ketchup, sondern Löwensenf. Extra mild. Ronaldo steht wieder auf. Stadiondurchsage:“Wer es verdächtig findet, dass der deutsche Fußballnationaltrainer und der deutsche Bundespräsident den selben Vornamen haben – Hand hoch!“
Keiner zeigt auf.
Im Stadion sitzt auch Joachim König. Seine Augen sind zu. Entweder er schläft. Oder er ist tot. Das fehlt noch…
„Deutscher Top-Comedian bei EM-Viertelfinalspiel vor Langeweile verreckt! – Dazu exklusiv in BILD: das neue Gedicht von Günter Grass, „Sport ist Mord“. Oder so ähnlich. Bonus: Ingo Appelt – Wie ich den Scheidenpilz besiegt habe. „Mit ganz viel Liebe haben meine Frau und ich unser gemeinsames Schicksal gemeistert…“
79. Minute: Portugal macht das Einsnull. Toll. So ´n spielerischen Schabernack gibt´s inne nächste Buli-Runde auch: Gladbach gegen Düsseldorf. Wenn da nicht der Blitz einschlägt, ist das Wetter scheiße.
Portugal gewinnt. Ein Ordner weckt Joachim König.
Morgen dann unsere. Und so weiter usf.
Gähn…

Das Hammerturnier. Corinnas & Juttas EM-Tagebuch 2012. Folge 8: Igor´s Darkest Day. (K)ein Trikot für Morten Olsen.


Samstag, 16. Juni 2012, Bratislava. Polen – Tschechien

Man kann auch Breslau sagen. Die Amis sagen ja auch nicht „Köln“. Sondern „cologne“. Weil se das Ö nicht können. Wie in „Motörhead“.
Geburtsort von Wolfgang Neuss. Der Himmel. Die Hölle. Der Wolfgang. Je nach Standpunkt.
Anyway, wie Lemmy sagt. Wir haben´s doch noch geschafft. Corinna, die faule Nuss, wär´ natürlich lieber in Warschau ins Stadion. Aber mal seriously: Rußland gegen Griechenland? Wer will das denn sehen? Corinna:“Du hängst doch deinem Igor am Zipfel.“ Ach so. „Na gut. Dann teilen wir uns eben auf: Ich mit Igor nach Breslau; und du allein in Stadion Warschau. Dann können wir mal spielberichtstechnisch doppelt punkten.“ Da hat´s dann aber auch wieder keine Lust drauf, unser Redaktionsküken. „Wir tun hier eh schon viel zu viel, ohne was dafür zu kriegen.“ Tja. Also wieder zu dritt ins FC-Mobil und das Gaspedal durchgetreten.
Wir wieder in FC-Trikots, und prompt setzen se uns wieder mitten in den Polenblock inne Südkurve. So isses gedacht; so soll es sein. Farblogik. Bei den Polen steht wieder Ersatzkeeper Tyton im Kasten, der im Auftaktspiel so lässig via gehaltenem Elfer beeindruckt hat. Und davor, hoffentlich mehrheitlich mit dem Hintern Richtung Tyton, das Dortmunder Trio. Igor:“Alles liegt jetzt einzig und allein in unseren Händen.“ Wir schauen auf unsere Hände. Tuborg-Dosen (Dänemark, die Fußball- und Pilsnation) und Killersticks ausm Geheimfach im Handschuhfach. Igor:“Das war symbolisch gemeint.“ Anpfiff.
„Siegmar Gabriel ist neulich Vater geworden.“
„Und?“
„Na – stell´ dir mal vor, du liegst da drunter.“
„Umpf…“
„Und der liegt dabei ja auch nicht still…“
„Hör´ auf!“
Die Polen machen von Anfang an Druck. Fette Torchancen für Lewandowski in der 7. und 10. Minute. Ein paar Minuten Durcheinander. Die Tschechen schnallen, dass das hier entschieden anders läuft für sie wie, ne, als gegen die Griechen. Dann geht´s weiter. Polnisches Schützenfest. Wo´s weiter fehlt, ist beim Abschluß. Also ´nem gezielten. Verwandelten. Also ´nem Tor.
„Wußtest du, dass die Wagenknecht mit dem Lafontaine zusammen ist?“
„Vielleicht ist die ja gelernte Altenpflegerin.“
„Hähä…“
Dass es bei dieser EM vor Ort entweder meimelt oder saunert, ist mittlerweile ausgemachte Sache. Heute meimelt´s wieder. Meimelt und meimelt. Bierdose abdecken; rauchen inne Faust. Dann blitzt es. Dann donnert´s. Dann hört´s plötzlich auf. Zu regnen. Und dann kommen die Tschechen…
Ne, nicht wirklich. Igor:“Mit ´nem Remis gehen wir als Verlierer vom Rasen.“
Corinna:“Locker bleiben.“
Den gleichen Spruch hatte se gestern Nacht parat. Morgens um halb zwo, und Gizmo in seinem Käfig am päpen:“Wata, wata! Gizmo Du!“ Also Wasser, Wasser, Gizmo Durst. Corinna:“Der Ärmste!“ Ich:“Denk´ an die Warnung.“ Corinna:“Ach, Igor immer mit seiner Panikmache…“ Sie füllt ein Schnapspinneken mit Wasser und gibt es Gizmo. Der fängt nicht etwa an zu saufen; sondern an, sich zu waschen. Prompt wirft seine Haut dicke Blasen. Corinna:“Huch. Was nu?“ Die Blasen platzen eine nach der anderen auf, aber es ploppen keine Vampirschlümpfe heraus. Stattdessen wächst Gizmo in Sekundenschnelle ein superkuschelweiches schlumpfblaues Kuschelfell. Corinna:“Wie süß!“ Sie krault. Gizmo rollt sich auf den Rücken und schnurrt. Corinna:“Siehste? Wenne mich fragst: Dein Igor hat zu viele Filme gesehn.“ Eins zu null für Sie, Frau Schneck.
Halbzeitpause. Igor packt den Picknickkorb aus. Tomaten und Mozarella. Corinna:“War ja klar…“ Igor:“Stück Pumpernickel dazu?“ Corinna:“Liebern Salzstreuer.“ Igor zaubert ein mobiles Gewürzregal aus dem Rucksack. „Meersalz oder Jodsalz?“ Corinna.“Egal.“ Sie fummelt mit ihrem Handy. “Die Griechen haben in Warschau ´n Tor geschossen.“ Igor wird kreideweiß. „Kann doch gar nich´…“ Corinna blitztpökelt einen Büffelkäsewürfel. “Locker bleiben.“
Auch die Spieler da unten aufm Platz haben in der Halbzeitpause gesteckt bekommen, wie´s in Warschau steht. Und was die Stunde geschlagen hat. Für den Einen wie für den Anderen.
Rumgeknicker; unnötige Fouls. Igor rauft sich:“Das kann doch nicht wahr sein! Jetzt haben se auch noch Schiß…“ Gemeint ist seine Heimmannschaft. Das kölsche Frustsyndrom läßt grüßen. R.I.P. inne nächsten Säsong. Zumindest wenn´s nach Holgi Stanislawski geht.
Und dann macht Petr Jiracek vom Vfl Wolfsburg in der 72. Minute das Tor für Tschechien.
Totenstille in der Südkurve. Und ganz plötzlich fühlt man sich fatal erinnert an den 34. Spieltag der Buli-Säsong 2011/2012.
5. Mai. Todestag von Wolfgang Neuss.
Igor packt symbolisch seinen Picknickkorb wieder ein. Corinna:“Gib mal noch so´n Stück Mozza… „ Corinna kuckt igor an. „Oder ne. Ne, lass´ mal. Ich hab´ eh kein Hunger. Glaub´ ich…“ Igor packt weiter. Corinna zündet sich ´ne Zigarette an. Zehn Minuten noch.
87. Minute. Trabbel aufm Rasen. Hoffentlich denken die Tschechenfans jetzt nicht, das war der Abpfiff, und stürmen den Rasen…
Ne, tun se nicht. Und auch sonst tut sich nichts mehr. Igor:“Und tschüss.“ Da ist heute aber ´ne ausführliche Massage fällig. Mit Artemisiaöl. Dazu gibt´s heißen Tee mit Indica- und Banisteria caapi-Extrakt. Und ´nem zünftigen Schuß Slibowitz Spezial.
Die Südkurve singt „Bravo Polonia“ und „Polka ragazza“. Am Himmel überm Stadion funkeln die Sterne. In Warschau gewinnen die Griechen und spielen im Viertelfinale gegen die Deutschen. Oder die Dänen. Das wissen wir morgen.

Aufgezeichnet von Jutta.

In medias res: Neues vom FC

Kölns Mittelfeldblondine Martin Lanig wechselt zur Frankfurter Eintracht; im Tausch dafür kriegt Hennes von der Eintracht den Matthias Lehmann. Was das soll? Hennes:“Frag´ Stani.“ Ach, is´ auch egal.

Sonntag, 17. Juni 2012, Lwiw. Deutschland – Dänemark

Man kann auch Lemberg sagen.
Poldi, ehemaliger Prinz von Köln, demnächst nur noch irgendein Spieler in irgendeinem englischen Verein, macht sein 100. Länderspiel. Gratulinski. Bei der Hymne mitsingen tut er nicht. Özil auch nicht. Aber Jutta. Aus vollem Halse. Gemäß dem Motto: Wo wer singt, da lass´ dich nieder…
Los geht´s, das Deutschtum ist eh in Runde zwei, ergo: Daumen drücken für die Dänen. Mal kucken, ob Gizmo als Orakel was taugt. Von Kuh Yvonne hört man nix mehr. Hat wahrscheinlich ´n paarmal zu häufig knapp danebengegriffen.
Igor ist im Hotel geblieben. Kein Bock nach gestern. Afterpullable, wie Poldi dann demnächst wohl sagt. Noch tönt sein britischer Zungenschlag ja eher holprig. Au contraire die Beinarbeit: 18. Minute, Poldi macht das Eins-null. Mit Rechts. Schau´ an. Auf Köln kann er nur mit Links. Mal kucken, mit welchem Bein er in England schießt. (Bzw. AUF England. – Ist ja ´ne Insel.)
23. Minute: Ausgleich durch Dänemark. Jutta zündet sich ´nen neuen Joint an. An der Glut vom letzten. Alter Schwede…
„Wenn die Dänen gewinnen, gehen wir nachher Trikots tauschen.“
„Meins kriegt Morten Olsen.“
„Der hat doch bestimmt noch eins aus seine aktiven Zeit.“
„Aber bestimmt nicht Rückennummer 666.“ Die Nummer vom Hennes.
36. Minute: Poldi zimmert ´nen direkten Freistoß übers dänische Tor – und Jutta mitten auffen Schoß. Jutta, säuerlich:“Perfekt. Dankeschön. Die Hose war frisch gewaschen.“ Immerhin: unser erster Tango 12. Das zukünftige Trainingsgerät des FC Catatonia Monasteria 012? Jutta:“Nix da. Der ist für Igor. Als Trost.“

Pause. „Hunger?“
„Ne.“

Die zweite Hälfte zieht sich. Hüben wie drüben (Charkow, Portugal gegen Niederlande) steht´s eins-eins. Fast-Tor von Dänemark in der 50. Minute. Jutta:“Schreib´ doch mal statt .“ Ich:“Ne, danke. So´n Scheiß schreibt doch nur der Chef.“
63. Minute: Poldi raus; Schürrle rein. ´N Leverkusener. Die Hälfte der Deutschen da unten auffem Rasen spielt sonst für Vereine, über die wir uns in der Buli regelmäßig gnadenlos lustig machen.
…Und dann gehste mal für kleine Mädchen, schließt gerade die Kabinentür ab, da ist groß Geschrei, und dann kommste zurück, und es steht Zwo zu eins für Germany. Da möchste am liebsten gleich wieder zurück gehen…
Und dabei bleibt´s denn auch. Deutschland und Portugal gewinnen. Müssen unsere als nächstes gegen die Griechen ran. Die haben heute ´n neues Parlament gewählt. Mal wieder. Tschüss, Euro. Dänemark und die Niederlande (dreimal verlatzt) sind raus.
Als wir wieder im Hotel ankommen, sitzt Igor mit Gizmo vor der Glotze. „Derrick“ auf polnisch. Jutta fischt den Tango 12 ausm Rucksack. Gizmo:“Jutta Fuba!“

Fazit von heute: Poldi is´ ´n Arschloch. Erst ruiniert er im Alleingang unseren FC; dann verpisst er sich feige ins Ausland; hier schießt er ausgerechnet gegen unsere Lieblinge sein einziges Tor; und das auch noch mit rechts, womit er angeblich nix kann. Wir sagen: Pfui. Es kann nur besser werden. Darauf ein Tuborg. Auf Wolfgang Neuss.

Notiert von Corinna.

Gizmo, der Orakelschlumpf in: Das Hammerturnier. Corinnas & Juttas EM-Tagebuch 2012. Folge 7

Freitag, 15. Juni 2012

Frankreich – Ukraine zwei zu null, England gegen Schweden drei zu zwei. Bye bye, Schweden. Wir sparen uns den Applaus.

Samstag, 16. Juni 2012

Was so ´ne blöde Kuh kann, kann unser kleiner Blauklaus allemal: Zum Frühstück haben wir Gizmo zwei Schlumpfbeeren hingelegt, eine mit ´nem deutschen Fähnchen, eine mit ´nem dänischen Fähnchen. Und siehe da: Welche hat er gefressen? – Natürlich beide. Aber erst die mit dem dänischen Fähnchen, und dann erst die mit dem deutschen. Die Fähnchen hat er auch gefressen. Na so was. Das heißt jetzt was? Dass die Dänen gewinnen? Wir sagen: Ja, denn: Auch die Dänen haben gegen die Niederlande gewonnen, und gegen Portugal war´s haarscharf. Und wenn dann morgen gleichzeitig die Niederländer die Portugiesen schlagen (Gelächter im Hintergrund), dann sind die Dänen auf alle Fälle weiter. Ansonsten eher wohl nicht.
Morgen werden wir´s wissen; vorher müssen heute jedoch erst mal wieder Igors Landsleute in den FC-Farben ran. In Breslau. Da waren wir noch nicht. Und wenn wir hier weiter so im Stau stehen, sind wir auch vor Apfiff nicht da…

Das Hammerturnier. Corinnas & Juttas EM-Tagebuch 2012. Folge 6: Flomokko. Gizmo. Guinness. Lothar.

Donnerstag, 14. Juni 2012, Warschau

Heute waren wir mit Igor aufm Flomokko. Also dem weltberühmten Warschauer Straßenflohmarkt. Tonnenweise Raubkopien vom Hennes-Film. Dabei ist der überhaupt noch nicht gedreht. Ts, ts. Dann kommt Corinna an, mit ´nem kleinen Käfig. Och, ne. Hamster? Meerschweinchen? „Kuck´ mal! Nur zwei Zloty…“ Flötepiepe. Im Käfig sitzt ein Schlumpf. Ein echter, richtiger, original Schlumpf. Knapp 10 Zentimeter hoch, weißer Zipfel, weißer Strampler. Ansonsten blau. Sitzt da, umklammert mit den kleinen Fäustchen die Käfigstäbe und kuckt mich ganz traurig an. Corinna:“Is´ der nicht süß? Entwurmt, geimpft und kastriert.“ Sie zieht zwei handbeschriebene Zettel aus der Arschtasche. „Er heißt Gizmo.“
Gizmo kann Pfötchen geben, Männchen machen, und beim Kommando „Schalke!“ fängt er an, im Kreis zu tanzen. Abgefahren. Dann dreht Corinna ihm ´ne Zigarette mit Gras drin, und Gizmo raucht wie ein Indianerhäuptling. Corinna:“Schalt´ mal den Pornokanal ein.“ Igor:“Das würd´ ich lassen. Außerdem kein Wasser geben; und niemals füttern nach Mitternacht, egal, wie sehr er auch bettelt…“
Corinna:“Sonst was?“
Igor:“Frag´ lieber nicht…“
Egal. Arbeit macht vielleicht frei; aber Hartz 4 zumindest halbwegs satt. Was frisst so´n Schlumpf eigentlich? Außer Gelsenkirchener Stadionwurst? Wieder Igor:“Wenn er richtig Hunger hat: alles.“ Corinna:“Nich´ drauf hörn. Der will bloß bange machen. Weil er nämlich eifersüchtig ist auf das kleine Knuddelmonsterchen…“ Sie packt Gizmo und knuddelt ihn durch. Gizmo quikt vor Gaudi. Igor:“Au weia. Wenn das mal gut ausgeht…“

„Was machen wir denn jetzt heute Abend?“
„Tja, weiß auch nicht. Was kommt´n inne Glotze?“
„Müll. Dann lass´ uns doch nach Danzig fahren. Die Karten haben wir eh.“
„Okay, meinetwegen. Fahren wir nach Danzig. Aber du schreibst.“
„Aber immer.“

Immer noch Donnerstag, PGE-Arena, Danzig

…Wo es heißt: Titelverteidiger Spanien gegen die Herzbuben vonne grünen Insel. Die Spanier sind stinksauer, weil se im Auftaktspiel „nur“ einseins gegen die Spaghett…, also die Italiener gegurkt haben. Und die armen Iren müssen´s heute ausbaden. Die haben von Kroatien schon böse auf die Nase bekommen. Oh je. Keine Frage, wem da unser Däumchendruck gilt.
Die FC-Trikots hängen in Warschau zum Trocknen auffe Leine. Gehen wir heute mal zumindest äußerlich neutral ins Stadion. Das sieht hier schon bei Tageslicht aus wie´n riesiger Honigtopf. Mal kucken, wie´s aussieht, wenn´s im Dunkeln leuchtet.
Jutta:“Mail vom Chef. Er hat fünf Karten für´s Testspiel gegen Arsenal am 12. August.“
„Gegnerspotting für den FC Catatonia 012?“
„Pfft. Frage ist: Für wen spielt Poldi? Ein letztes Mal für Hennes? Oder für seinen Neuen?“
„Das wird er sich bestimmt sehr gut überlegen…“
Einen Eckblock weiter sitzt Jogi Löw. Mit ´nem Klemmbrett. Jutta:“Der analysiert jetzt die Spanier. Aber knallhart.“ Es meimelt mal wieder. „Na dann. Hoffentlich hat er ´nen wasserfesten Stift.“ Anpfiff.
Gestern Abend in Charkow noch den Bürzel abgeschwitzt; und heute hockste hier bei elf Degrees Außentemperatur und fröstelst im Strickjäckchen. Wie aufs Stichwort zieht Jutta ´ne Thermoskanne ausm Rucksack. „Auch ´n Tässchen?“
„Was denn? Zwei Tassen Kaffee und ´ne Dose Cola?“ Alter Jürgen Klopp-Witz. Jutta:“Ne. Jagertee. Von Igor.“
„Vulgo heißer Slibowitz. Her damit.“
Vierte Minute: Einsnull für Spanien. Die Spanier zaubern; die Iren zimmern. Laterna magica gegen solides Handwerk. Die Spanier dribbeln die Iren schwindelig, aber wenn ein Ire mal richtig zutritt, ziehen die Rotblauen die Köpfe ein. Unnötig. Im Mittel sind se eh schon ´nen Kopf kürzer als der grüne Gegner. Jutta:“Mann, wieso muß das denn jetzt schon wieder so meimeln?“
„Die Defensive vonne Iren. – Denkste da das Selbe wie ich?“
„So: Geromel, Brecko?“
„Bingo. Kuck´ mal, da vorne. War die nicht mal Babe des Monats?“ Tatsache: Schräg gegenüber sitzt Shakira. Blond wie ´ne Schwedin. „Was will die denn hier?“
Vielleicht singt se inne Pause „Waka waka“. In the polish rain…
Wacker schlagen sich auch die Iren. Die sind so´n Wetter wahrscheinlich gewohnt. Im Gegensatz zu den Iberischen Halbinsulanern. Torchancen null, weil se nicht mal in die Nähe der spanischen Hälfte kommen; dazu ´ne Rückendeckung wie uns FC zu seligen Stalebakken-Zeiten. Trotzdem steht das Einsnull. Der Schiri ist allerdings ´ne waschechte Pfeife. Wenn das mal kein Portugiese ist… Erst schubst er ´nen Iren um; das ist ihm logischerweise hochnotpeinlich, und um abzulenken, zeigt er ´nem anderen Iren die Gelbe. Prompt singt die Südkurve „Referee, we know where your car is parked…never go home alone in the dark…” Putzig. Jutta:”Bei denen klingt das gleich wie´n Shanty.“ Shakira gegenüber schunkelt. Irlands Coach Trapattoni tut so, als wenn er nichts mitkriegt, ist aber mächtig am schmunzeln. Jogi Löw reckt den Hals und notiert was auf sein Klemmbrett.
Pause. ´N paar Ränge unter uns ist ein Spanier frech am schimpfen. Ich kann ja kein Spanisch, aber „Fucking Irish!“ kommt mir allerdings auch nicht unbedingt spanisch vor.
Jutta kramt in ihren Fremdsprachenkenntnissen. „Veder a joder con tu madre! Hiejoputa! Oder so ähnlich…“ Anyway, der Spanier hat´s offenbar verstanden. Jetzt geht er ab wie´n geöltes Zäpfchen. Bei Mutti hört der Spaß auf. Jutta zeigt ihm den Mittelfinger, grinst und macht winkewinke. Der Spanier schimpft wie ein Rohrspatz, haut sich die Faust in die Armbeuge und formt mit Daumen und Zeigefinger ein O. Jutta:“An obvious case of an indecent proposal.“ Zwei ältere Herren, die neben uns sitzen, stellen sich als Shaun und Paddy aus Galway vor, gratulieren Jutta zu ihrem schönen Spanisch und laden uns auf Cheeseburger ein. Dazu wird ein Partyfässchen Guinness angestochen, das Paddy vom irischen Zeugwart hat ins Stadion schmuggeln lassen. „He´s my Schwippschwager. But in Ireland, we are all somehow verwandt.“ Jutta:“Sind wir doch alle. – Comme ci, comme ca.“ Shaun zapft, Paddy verteilt die Becher. Prost! The Lord have mercy! Head in the neck!

Zweite Hälfte.
„Also… Poldi hätte den reingemacht.“
„…Den hätte jetzt sogar Novakovic reingemacht.“
„…Oh fuck, Houghton would have scored that goal.“
Und dann, nach drei endlosen Minuten Gefummel vorm irischen Kasten netzen die Spanier tatsächlich noch ein weiteres Mal die Kirsche ein. Zwonull. Shaun:“That´s it. We´re out of the race.“ Jutta tätschelt ihm den Unterarm. „Relax. There are still 40 minutes remaining.“ Unter uns schimpft der Spanier. Jutta:“Ist bestimmt mal von seiner Mutter beim Onanieren erwischt worden. Irreparabler Knacks.“ Sie übersetzt auf englisch, und Paddy und Shaun blicken ernst und nicken.
Dreizunull für Spanien.
Vierzunull. Immer noch für Spanien.
Und dabei bleibt´s schlußendlich. Wobei die Spanier mal bestenfalls jede hundertste Torchance verwertet haben. Paddy:“You don´t have to win. But make sure you did fight.“ Jutta:“Gesprochen wie der Hennes.“

***

Er wollte immer nach Köln; da wollten se´n aber nicht haben. (Wird seine Gründe, also werden ihre Gründe gehabt haben…) Dafür isser nu bei VOX. Und wo liegt VOX? Genau – in Köln. Herzklabaster. Kurz nache Mittsommernacht geht´s denn nu endlich los: Am 24.06. um 23 Uhr 10 MESZ (Wir ahnen schon: Das wird nicht jugendfrei…) startet Lothar Matthäus auch im deutschen Fernsehprogramm voll durch. „Immer am Ball“ heißt das telemediale Statement des deutschen Rekordnationalspielers mit dem unrühmlichen Ende. Also vonne Spielerlaufbahn. Da kann die Katzenberger nur noch einpacken. Oder den Lothar heiraten. Dürfte mit der Haarfarbe allerdings nicht ganz so einfach werden…

***

Jutta, später auffe Rückfahrt:“Denk´ dran, was Igor gesagt hat.“
„Was denn?“
„Von wegen Gizmo. Kein Futter nach Mitternacht, egal wie sehr er bettelt. Und nicht mit Wasser in Berührung bringen.“
„Ja, ja…“