Archiv der Kategorie 'Philosophieren mit Hennes'

Philosophieren mit Hennes. Heute: Das Paradoxon der Toleranz. Von unserem Gastautor Sir Prof. Dr. Dr. Karl Popper

EINLEITUNG

Für heute hat der TV-Sender ProSieben den „Tolerance Day“ ausgerufen. Was immer man von derartigen PR-Aktionen eines börsennotierten Aktienunternehmens halten mag – Nazis (zumindest solche, die weiter„denken“) werden auf jeden Fall begeistert sein. Zumindest im Hinblick auf ein schon seit Monaten im Bundestag wieder zur Diskussion stehendes „langfristiges“ Verbot der NPD. Argumentieren (nicht nur faschistisch getönte) Gegner eines etwaigen Verbotsantrags doch allzu gern, dass eine „wahrhaft“ tolerante Gesellschaft auch die Intoleranz „Einzelner“ (so einzeln sind sie leider gar nicht) zu tolerieren imstande sein muss.
Im ersten Band seines möglicherweise bekanntesten Werkes „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ behandelt Karl Popper das von Platon in seinem „Staat“ formulierte „Paradoxon der Freiheit“ (die nach Platon zumindest auf dem politischen Feld zwangsläufig zu ihrem Antipoden, der Diktatur, führen muss) und gelangt (via Fußnote!) zu einem weiteren Parodoxon, nämlich dem der Toleranz.

DAS PARADOXON DER TOLERANZ

…Weniger bekannt ist das Paradoxon der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. – Damit möchte ich nicht sagen, dass wir beispielsweise intolerante Philosophen auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, dass ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten. Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels…

(Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band I: Der Zauber Platons. Bern 1957 (rev. Thübingen 1992))

Keine Toleranz der Intoleranz. Eigentlich ganz einfach. In diesem Sinne:
Happy Tolerance Day!
(…und schon mal Helau und Alaaf. – Morgen wird ganztägig im Bett geblieben. Ja, ne – da hört die Toleranz dann doch auf…)

19.02.2012

Philosophieren mit Hennes. Heute: Gastautor Willard Van Orman Quine über Schalke als auch sprachlich schwer zu fassendes Phänomen

In Köln ist das ja vergleichsweise, also relativ einfach: Es gibt Kölner. Das sind dann Kölner, und wenn sie´s nicht sind, dann sind sie´s eben nicht.
Pech gehabt.
In Gelsenkirchen sieht die Sache schon komplizierter aus: Da gibt es Schalker; und es gibt Gelsenkirchener. Wobei Gelsenkirchener sozusagen Schalker* sind, die keine Schalker** sind, so sie denn keine Schalker*** sind.
So weit verstanden?
Kein Problem. Dann anders. Die klassische abendländische Philosophie kennt die Argumentationskette: Sokrates ist ein Mensch. – Irren ist menschlich. – Sokrates ist ein Irrtum. Oder so ähnlich.
Was bedeutet das nun für Schalke? Vermutlich wieder mal nichts Gutes. Unser Gastautor Willard Van Orman Quine ist der Angelegenheit vor Ort auf den Grund gegangen. Und zu ganz erstaunlichen sprachphilosophischen Einsichten gelangt.
Aber lesen Sie selbst…

(Sternchen: *generell; **nominell; ***phänomenologisch)

WILLARD VAN ORMAN QUINE: ÜBER SCHALKE SPRECHEN

Stellen wir uns vor, wir hätten einen neuen Eingeborenenstamm entdeckt und wüssten nichts über etwaige Ähnlichkeiten seiner Sprache mit der unseren. Der Sprachwissenschaftler kann diese Sprache nur lernen, indem er beobachtet, was die Eingeborenen unter bestimmten natürlichen oder künstlichen Umständen sagen. Im ersten groben Anlauf wird er Terme der Eingeborenen für Phänomene in ihrer Umgebung sammeln; aber schon hier legt er in Wirklichkeit seine eigene Denkweise an. Ich will erklären, was ich damit meine. Ich räume ein, dass der Sprachwissenschaftler über jeden vernünftigen Zweifel hinaus induktiv bestätigen kann, dass die Eingeborenen durch die Anwesenheit von Schalke oder einer echt wirkenden Nachbildung und nur dadurch veranlasst werden können, einem bestimmten Ausdruck ihrer Sprache zuzustimmen. Der Sprachwissenschaftler ist dann berechtigt, diesem heidnischen Ausdruck die tentative Übersetzung „Dort ist Schalke“, „Da haben wir Schalke“, „Schau, Schalke!“ oder „Schau, abermals Schalkertum!“ zuzuweisen – sofern wir die Unterschiede zwischen diesen deutschen Sätzen als irrelevant ansehen. So weit kann die Übersetzung objektiv sein, wie exotisch der Stamm auch sein mag. Sie betrachtet den Ausdruck der Eingeborenen als einen Satz, der Schalke meldet. Aber indem der Sprachwissenschaftler den Ausdruck der Eingeborenen oder Teile davon mit dem Term „Schalke“ gleichsetzt, tut er einen kühnen zusätzlichen Schritt, in dem er ohne besondere Rechtfertigung seine eigene, Phänomene setzende Sichtweise anlegt.
Es ist leicht zu zeigen, dass ein solcher Rekurs auf eine Kategorie der Phänomene nicht gerechtfertigt ist, auch wenn sich Schalke im Deutschen schwerlich ohne Phänomenologisierung melden lässt. Denn wir können mit der folgenden Ununterscheidbarkeit argumentieren. Nehmen wir an, ein Satz der Eingeborenen besage, dass ein X anwesend ist, und nehmen wir weiter an, dieser Satz sei genau dann wahr, wenn Schalke anwesend ist, so folgt keineswegs, dass dieses X Schalke ist. Es könnte all die verschiedenen zeitlichen Stadien von Schalke sein. Es könnte all die integralen oder unabgetrennten Teile von Schalke sein. Um zwischen diesen Alternativen zu entscheiden, reicht es nicht hin, fragen zu können, ob ein X anwesend ist. Wir müssen auch dazu imstande sein zu fragen, ob dies dasselbe X ist wie jenes, und ob ein X anwesend ist oder zwei. Wir benötigen solche sprachlichen Mittel wie die Identifikation und die Quantifikation: also wesentlich mehr, als uns eine Sprache bereitstellt, mit der wir bislang über die Meldung von Schalke nicht hinauskommen.
Die Sache ist noch schlimmer. Wir haben nicht einmal Anhaltspunkte für die Annahme, der Ausdruck der Eingeborenen habe die Form „Schalke ist anwesend“; er könnte ebensogut mit einem abstrakten singulären Term interpretiert werden, dahingehend, dass Schalkertum sich lokal manifestiert habe. Besser noch: „es schalkert“, wie „es nieselt“.

(aus: W. V. O. Quine: Ontologische Relativität und andere Schriften. Klostermann Verlag, Frankfurt/M. 2003)